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Pressebericht der Frankfurter Rundschau - Januar 2009

Ingo Hoß
Der Häuserflüsterer

VON MIRJAM ULRICH

Seine Stimme prägt sich ein. Tief klingt sie und Vertrauen erweckend. Und um Vertrauen geht es oft im Handwerk. Zur Arbeit von Ingo Hoß gehört es, Hausbesitzern zu sagen, dass sie auf die falschen Materialien und Handwerker vertraut haben. Der Krifteler ist Restaurator in der Denkmalpflege und Sachverständiger für giftfreien Holzschutz.

Meist wird er zu den schwierigen Fällen gerufen: zu Häusern, die falsch saniert wurden oder ihre Bewohner krank machen. "Jeden Monat habe ich einen Kunden, der in Tränen ausbricht", erzählt Hoß. Etwa wenn sein Gutachten ergibt, dass durch falsche Wärmedämmung letztlich teure Bauschäden entstanden sind.

Ingo Hoß (Bild: FR/Schick)

Hoß redet mit dem Gebäude

Mit solchen Ansichten macht er sich nicht überall beliebt, seine Kunden schätzen ihn aber. Denn Hoß setzt auf giftfreien Holzschutz, DIN-Norm hin oder her. Bei den 300 Häusern, deren Sanierung er bislang begleitete, habe es hernach nie ein Problem gegeben, sagt der gelernte Zimmerer.

Er achtet zudem darauf, dass die verwendeten Werkstoffe zusammenpassen. Vielen Handwerkern fehle heute das Wissen über historische Materialien und den Umgang damit. Doch Denkmalpflege funktioniere nur ganzheitlich. "Wenn man so will, bin ich ein Homöopath für Fachwerk", sagt der 44-Jährige. Er spricht auch von "Anamnese", wie in der Medizin. "Ich rede mit dem Haus, muss die Geschichte kennen, um zu wissen, welche Fehler es hat."

Für die stumme Zwiesprache nimmt er sich Zeit und wo nötig auch technische Messungen vor, zum Beispiel zur Altersbestimmung. Nachdem er den restauratorischen Befund ermittelt hat, entwickelt er ein Sanierungskonzept. Eine denkmalgerechte Sanierung sei gar nicht teurer, widerspricht er gängigen Auffassungen, aber die Zeiteinteilung sei anders.

Derzeit berät er bei der Sanierung des Gradierwerks in Bad Nauheim, zu seinen Auftraggebern zählten auch das Freilichtmuseum Hessenpark und der Frankfurter Palmengarten.

In der Öffentlichkeit wird er aber weniger wegen seiner Arbeit, sondern an seiner Stimme erkannt. 2005 war er in der Fernsehdokumentation "Windstärke 8 - Das Auswandererschiff" zu sehen. An der Atlantiküberquerung wie im Jahre 1855 wollte er als Schiffszimmermann teilnehmen, doch als er an Bord ging, stellte er fest, dass er als Revolutionär gecastet worden war, der in die neue Welt flieht. Auf dem Schiff sang er mit den Kindern oft ein selbst komponiertes Auswandererlied. Vom Auswandern hat er tatsächlich schon als Jugendlicher geträumt. Seine Mutter schenkte ihm das Buch "Der lange Weg des Lukas B.", die Geschichte eines ostpreußischen Zimmermanns, der im 19. Jahrhundert in die USA auswandert. Bald darauf brach Hoß die Schule ab, um ebenfalls Zimmermann zu werden.

"Windstärke 8" war nicht sein erster Film. Der Regisseur Detlev Buck drehte eine TV-Doku über ihn. Denn Ingo Hoß ist 1983 im Alter von 18 Jahren als Zimmermannsgeselle auf die Walz gegangen. Damals gab es europaweit nur 60 Wandergesellen. Mehr als drei Jahre lang bereiste er Europa, sogar bis nach Nordafrika und ins sozialistische Ungarn gelangte er. Danach arbeitete er einige Jahre in West-Berliner Kollektiven.

Im Sommer 1989 kehrte er ins heimatliche Kriftel zurück und machte sich zunächst als Zimmermeister selbstständig. Mit seinem großen Mischlingshund Louis lebt er in seinem Elternhaus, die Familie besaß einst eine Baumschule. Nach seinem Hund heißt auch die Band, in der er Gitarre spielt und singt. Die Stimme dafür hat er ja.

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